„Wir brauchen eine ganz neue Fahrzeugkategorie“

Er will einen Mix aus Fahrrad und Auto in unsere Innenstädte bringen – kleine, autonom fahrende Fahrzeuge, die die Menschen in der Stadt unkompliziert von A nach B bringen: Ulrich Prediger, Gründer von Dienstrad-Leasing-Anbieter JobRad®. 

Für unser VAERING-Event zum Thema Mikromobilität am 1. Oktober 2026 konnten wir ihn als Keynote-Speaker gewinnen. Der Freiburger hat mit der Gründung des Dienstrad-Leasing-Anbieters JobRad® längst bewiesen, dass er Mobilität neu denken und auch umsetzen kann. Jetzt plant er, mit seinem Start-up Veluto den innerstädtischen Verkehr zu revolutionieren. 

Wie genau diese Idee aussieht, wird er bei unserem Event erzählen – wir haben schon vorab mit ihm gesprochen.


Mit JobRad® sind Sie ja schon sehr erfolgreich im Bereich der Mikromobilität. Aber Sie wollen mehr. Warum? 

Ulrich Prediger: An der Mobilität in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren leider viel zu wenig verändert, und darüber mache ich mir schon lange viele Gedanken. Unsere Städte sind zu voll mit großen Autos, die so gar nicht notwendig sind. Radmobilität ist ein sehr guter Ansatz für kurze Strecken – insbesondere in der Stadt. 

Gleichzeitig ist mir klar geworden: Wir brauchen eine neue Fahrzeugkategorie.

Eine ganz neue Kategorie? Wie soll die aussehen? 

JobRad® hat bereits über zwei Millionen Räder in den Markt gebracht, damit haben wir einen guten Zugang zu Feedback. Wir haben uns angesehen, was die Leute wirklich am Fahrrad stört: Viele haben Angst vor Unfällen. Sie fühlen sich unsicher, außerdem haben sie Sorge vor schlechtem Wetter. Fehlende Bequemlichkeit hindert die Menschen offenbar auch daran, häufiger auf das Rad umzusteigen. Deshalb entwickeln wir gerade ein Fahrzeug, das all diese Bedürfnisse mitdenkt. Dafür habe ich vor zwei Jahren ein Start-up gegründet, zusammen mit einem Co-Founder aus Holland: Veluto, also die Mischung aus Velo und Auto. Wir entwickeln eine Symbiose zwischen den beiden Fahrzeugen, das Beste aus beiden Welten.

Wie sieht dieses Fahrzeug aus? 

Es ist das kleinstmögliche, kompakteste Fahrzeug, zugeschnitten auf nur eine Person. Es hat ein Dach und ist geschlossen, wird nur zwei Räder haben, einspurig sein und sich selbst stabilisieren. Es kann und darf auf dem Radweg fahren, ist maximal 25 Kilometer pro Stunde schnell. Und vor allem: Es fährt Level 4 autonom. 

Was heißt das konkret? 

Level 4 autonom bedeutet: Das Fahrzeug kann in bestimmten Bereichen vollständig autonom fahren. Und das, ohne dass ein Mensch jederzeit eingreifen können muss. Es kann zu Ihnen nach Hause, ins Büro oder zum Bahnhof kommen und fährt dann völlig selbstständig – Sie können also lesen oder arbeiten, und es ist auch für ältere Menschen gut geeignet. Wenn Sie aussteigen, sucht sich das Veluto entweder den nächsten Passagier oder eine Lademöglichkeit – oder wenn es zum Service muss, fährt es auch selbst zum Service. 

Aber dürfte sowas bei uns überhaupt fahren? 

Das Veluto ist rechtlich gesehen ein Fahrrad – und das Fahrrad ist bei uns das am wenigsten regulierte Fahrzeug. Wir werden daher viel schneller autonom fahren können als Autos.

Wie weit sind Sie? 

Es ist eine sehr herausfordernde Entwicklung. Wir entwickeln gerade Software und Hardware parallel. Gleichzeitig setzen wir die Regulatorik um – denn es gibt aktuell weder das eine noch das andere.

Wir entwickeln gerade einen Designprototypen und parallel einen Funktionsprototypen. Damit wir so schnell wie möglich die autonome Funktionalität auf der Straße testen können, nutzen wir derzeit ein vierrädriges Lastenfahrrad – um Erfahrungen für die Entwicklung der Software- und Hardwarekomponenten zu sammeln, rüsten wir dieses gerade entsprechend um.

Ist es denn schmal genug für Radwege?

Ja, es ist sogar etwas schmaler als ein Lastenrad. Ich lebe ja in Freiburg, und mein Benchmark ist ein ganz schmaler Radweg, den ich jeden Tag nutze. Da muss das Veluto drauf passen. Wenn ich dort problemlos fahren kann, passt es tatsächlich auf 99 Prozent der Fahrradinfrastruktur in Deutschland. 

Wer soll diese Fahrzeuge später kaufen? 

Es ist nicht gedacht als Fahrzeug, das man sich privat anschafft. Veluto ist eher eine Plattformlösung, die man flexibel buchen kann. Es ist eigentlich das perfekte Fahrzeug für Anbieter wie Uber und Waymo, diese autonomen Taxis. Da sitzt in 70 Prozent aller Fahrten nur ein einzelner Mensch drin. Die nehmen in unseren Städten also eigentlich viel zu viel Raum ein. Das ist völliger Irrsinn, den wir uns da als Menschheit leisten. Veluto kann auch interessant werden für Alten- und Pflegeheime oder Taxidienste. Bezahlt werden kann dann entweder per Zeiteinheit oder per Kilometer. 

Das klingt alles ziemlich visionär – aber Sie als Person, als Gründer von JobRad®, haben ja in der Vergangenheit schon bewiesen, was Sie alles schaffen können. Ist das ein Vorteil? 

Auf jeden Fall ist es ein grandioser Türöffner. Die meisten Menschen sprechen zumindest mal mit mir. Es ist zwar nicht so, dass alle gleich sagen: »Ja, toll, das wird bestimmt erfolgreich, darf ich investieren?» Soweit sind wir noch nicht. Aber es ist natürlich hilfreich, dass ich schon mal ein Geschäftsmodell entwickelt und erfolgreich gemacht habe. Daran hat damals im Übrigen auch niemand geglaubt, ich bin oft belächelt worden – aber inzwischen ist JobRad® aus der Branche nicht mehr wegzudenken. 

Also ja, ich habe heute viel bessere Voraussetzungen als vor 20 Jahren.

Vielen Dank und alles Gute! 

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